“How dare you be utopian, visionary and positive in devastating times like the current ones?”

Eine Erinnerung, die ähnlich wie jene ans Tapezieren beim Durchstöbern der kürzlichen Vergangenheit zu Tage trat, war eine Frage, mit der Time’s Up (anfangs ob dieser dann doch etwas baff), im Kreise eines „Künstler*innengespräches konfrontiert wurde.

“How dare you be utopian, visionary and positive in devastating times like the current ones?”

Zuallererst besticht die Frage durch Klarheit. Im weiteren birgt sie etwas sympathisch Provokantes, Angriffslustiges. Und zuletzt wird sie eben zur inspirierenden Anregung: „Wie können wir – als Time’s Up – es wagen, in verheerenden Zeiten wie den aktuellen utopisch, visionär und positiv zu sein?”.

Die wohl schlichteste, aber dann doch zu patzige Antwort wäre, weil uns das Skizzieren von Apokalypsen zutiefst langweilt. In eine ähnliche Kerbe schlagen würde das: Weil wir nämlich wesentlich lieber am Morgen aufstehen und frühstücken anstelle desillusioniert unsere Betten zu hüten. Nicht minder falsch, aber auch noch etwas knapp: Weil wir der Meinung sind, dass überbordender Katastrophismus lähmt und somit die verheerenden Zeiten nur verschlimmert. Etwas umfangreicher dann schon, im Speziellen weil Donna Haraway in der Begründung auftaucht: weil wir nämlich ihre Aufforderung „unruhig zu bleiben“1 inspirierender finden, als resigniert zuzusehen wie alles handelsüblich weiter-, bzw. einem Ende entgegenläuft. Und dann gibt es noch Begründungen, die auf bereits Gesagtes referenzieren: Weil es weitaus spannender ist, sich anstelle des Weltuntergangs (der nun wahrlich sehr einfach ist zu skizzieren) ein transformiertes Wirtschaftssystem zu zeichnen.2 Oder auch: Weil wir die aktive Teilhabe an einem aktuellen Werte-Erdbeben3 als wesentlich sinnstiftender erachten, als das bloße Zusehen beim aus den Fugen Geraten der Welt. Ach ja – und bevor wir die Liste der Begründungen abschließen noch einmal ganz knapp: Weil wir kein Problem damit haben, die „Aura der Spinnerten“4 hochzuhalten.

Es spricht doch einiges (den Widrigkeiten trotzend und sich des Vorwurfs der Naivität bewußt) dafür, dass wir auch in der nahenden Zukunft wagen werden utopisch, visionär und positiv im Denken an Zukünfte zu sein. Unsere Grundintention bliebt weiterhin klar fassbar: Die Utopie ist das Zentrum unserer Aktivitäten. Verfeinert mit einer Palette an Zutaten, gleichfalls essentielle Pfeiler unserer Herangehensweisen: Dem Spiel(erischen), der Erzählung, dem inszenierten Raum und der Diversität möglicher Zukünfte werden wir uns um die Neudefinition der allgemein gültigen Bedeutung von VUCA bemühen. Verwandeln die aktuelle Beschreibung von Volatilität, Ungewissheit, Komplexität, Ambiguität – in Volition (Willenskraft), Understanding (Verständnis/Einsicht), Choice (Wahlmöglichkeit) und Agency (Handlungsfähigkeit). Liefern damit die Bausteine, die utopische Vision ermöglichen. Bedenken die Utopie mit keinem (Un-)Ort, sondern mit einer Richtung, sehen sie eher als Vektor denn als Punkt.

Ähnlich der Forschung, als einen Prozess des Ausprobierens, des Scheiterns, des erneuten Ausprobierens, des besseren Scheiterns. Utopie ist ein schrittweiser Prozess von einer Kontingenz zur nächsten – in Händen haltend eine nicht-euklidische Landkarte.

Ja dann. Die Siedruckerei ruft. T-Shirts mit einer Frage drauf wollen gedruckt werden.

Abraham Ortelius (1527–1598), Public domain, via Wikimedia Commons
  • 1 Haraway, D.J., 2016. Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. Experimental Futures.
  • 2 “It is easier to imagine an end to the world than an end to capitalism” – in “Fisher, M., 2009. Capitalist Realism: Is There No Alternative?” According to Fisher, the quotation “it is easier to imagine an end to the world than an end to capitalism,” attributed to both Fredric Jameson and Slavoj Žižek, encompasses the essence of capitalist realism.
  • 3 So ein von Barbara Prainsack verwendeter Begriff als „Zusammenfassung aktuell aktiver Paradigmawechsel hin zum besseren Leben” (Vortrag: Barbara Prainsack & Johannes Kopf – Was ist uns Arbeit wert? // 21.10.2019 – Museum Arbeitswelt, Steyr, Austria)
  • 4 Verwendete Bezeichnung für Menschen mit visionären, zukunftskompetentem Denken im Zuge eines internen Arbeitskreis zum Thema Utopien beim TRANSFORM SYMPOSIUM The Art of Transformation (27. bis 29. Oktober 2021) an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Arbeitskreisteilnehmer*innen: Tina Auer, Gerald Bast, Tim Boykett, Isabell Grundschober und Stephanie Nestawal

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