Gedanken für einen Szenario-Workshop: “Possible Futures of Migration”

FoMWir leben in einer Ära, in der Politik-, Finanz- und Wirtschaftsgebaren globale Machtmuster bestimmen. Diese Herrschaftsgewalten sind es, die den grenzübergreifenden Rohstoff-, Kapital- und Warenverkehr regeln, den Austausch von Ideen, Technologien und Wissen lenken, maßgeblich unsere Umwelt- und Lebensbedingungen bestimmen, unsere Mobilität beeinflussen und sich erheblich auf kulturelle Entwicklungen und soziale Werte- und Traditionssysteme auswirken. Diese weitreichende, primär ökonomisch konzentrierte Globalisierung bedingt gleichlaufend das graduelle Zurückweichen als auch die Verhärtung von politischen und kulturellen Grenzen.

Eine weit verbreitet diskutierte und sichtbare Herausforderung dieser globalen Dynamisierung samt Machtmuster und wachsender Weltbevölkerung ist der Umstand von steigenden Wanderbewegungen. Geändert hat sich im historischen Vergleich von Migration im Bezug auf deren ursächliche Gründe, deren Abläufe sowie auch in der Reaktion darauf wenig.

Abgewandert wird aus kriegs- und krisenbedingten, lebensbedrohenden Umständen, aus humanitären, politischen und sozialen Notlagen, aus ökonomischer und ökologischer Perspektivenlosigkeit. Bestenfalls aus freien Stücken, meist jedoch erzwungen begeben sich Menschen und Gruppen auf die Suche nach lebensverbessernden Bedingungen. Vorwiegend an den nächstgelegenen Ort, der Sicherheit und Verbesserung erhoffen lässt. Nur in den wenigsten Fällen werden Kontinente gewechselt, zumeist ist es die Abwanderung in den angrenzenden Nachbarstaat, oft auch nur die landesinterne Verlagerung des Lebensmittelpunktes.

Zeitgleich sind die Effekte von und die Reaktionen auf Migration ganz ähnliche geblieben. Es ist nach wie vor die Bewegung von Individuen oder Gruppen welche einen menschlichen und wirtschaftlichen Fortschritt wesentlich begünstigt. Genau wie sie immer schon und immer noch Skepsis, Vorbehalte und Ängste weckt. Die gegenwärtig steigende Tendenz jedoch, die Zu-, Ab- und Einwanderung in den Gesellschaften der Industrieländern mit einer negativen Konnotation belegt, alarmiert indessen aufs Äußerste.

Natürlich verlangen Zuzug genau wie Abwanderung nach einer Adaption vorherrschender Strukturen, Normen und Praktiken in Gemeinschaften. Natürlich fordern sie die dominierenden kulturellen und gesellschaftlichen Codes und Muster heraus. Dass sich durch diese Herausforderungen allerseits Ängste einstellen, Voreingenommenheit und Vorurteil formieren und Konflikte entstehen können ist erklärbar, nicht aber das Fehlen von deeskalierenden, nachhaltigen, länderübergreifenden Vorschlägen seitens der Politik, die ein interkulturell kompetentes Verhalten fördern.

Migrationspolitik, die primär über Sicherheitspolitik diskutiert und abgewickelt wird und sich auf die Erweiterung von Abschottungsmethoden an den europäischen Außengrenzen konzentriert, wird mitnichten zu einer Deeskalation der Debatte führen, geschweige denn zur Steigerung eines trans- und interkulturell respektvollen Umganges zwischen den Beteiligten.

Ähnlich zweckschädigend für die gesellschaftsbreite Akzeptanzsteigerung von Zuwanderung, ist es auch eine von der Wirtschaft diktierte Variante der „Migrationspolitik“ – die bloße Bedienung ökonomischer Interessen nämlich. BilliglohnarbeiterInnen sind geduldet, qualifizierte Arbeitskräfte sind willkommen, solange Erstere temporär im Land bleiben, und Zweitere Lücken am BIP-steigernden Arbeitsmarkt schließen. Auch hierdurch werden offensichtlich keine humanitär und sozial verträglichen Lösungen für eine lebenswerte Zukunft in einer chancengleichen, aufgeklärten Welt geboten.

Ob es nun an der Komplexität der Thematik, der jahrzehntelangen Tabuisierung und Verschleppung der Materie und deren Dringlichkeit oder an der mangelnden Kompetenz der politischen AkteurInnen liegt, warum Migrationspolitik zu dem, wie Paul Collier es nennt „sozialökonomischen Wespennest“ wurde, sei dahingestellt. Sicher ist, dass es kein brauchbares politisches Konzept zu geben scheint, das humanitär vertretbar und sozialstrukturell verträglich ist, genauso wie die Dringlichkeit für die Erstellung eines solchen evident ist.

Time’s Up möchte nicht länger warten, sondern aktiv in diesen umfangreichen Themenkomplex eintauchen und Gestaltungsprozesse vorantreiben. Wie können, sollen und müssen Konzepte für eine europa- und weltweite Koordination von Migration aussehen, um den verschiedenen Anforderungen, den humanitären jedoch zuallererst, gerecht zu werden? Welche Rolle dürfen und müssen sozial- oder wirtschaftspolitische Faktoren haben und in welchem Verhältnis zueinander sollen diese stehen? Wann kann, soll und darf wer, unter welchen Bedingungen, wo hingehen, bleiben, leben, arbeiten, wählen, sich einbringen? Beharren etablierte Industrienationen weiterhin auf Systeme der Segregation, Überlegenheit und Ungleichheit oder können auch Wege , die Annäherung, Globalisierung, Kosmopolitismus und Multikulturalismus gleichberechtigt und umfassend betreiben, beschritten werden? Fragen zu denen Time’s Up im Zuge der „Possible Futures for Migration“ Workshops mit Sachverständigen, AktivistInnen, Beteiligten und Interessierten Bilder, Skizzen und Visionen erheben und entwickeln will.

Possible Futures of Migration“ ist Teil von Future Fabulators. Ein pan-europäisches, seitens des Kulturprogramms der EU unterstütztes Projekt und mit PartnerInnen aus Portugal (MITI), Rumänien (AltArt) und Belgien (FoAM) betrieben. Future Fabulators skizziert und implementiert mit ExpertInnen und PraktikerInnen des „Alltags“ (everyday life“) mögliche Auswirkungen von erarbeiteten Zukunftsszenarien im sozio-kulturellen Bereich. Als explorative Umgebungen, teils medial-erweitert werden die Zukunftsvisionen haptisch erlebbar öffentlich zugänglich gemacht und veranschaulichen dadurch unmittelbare Auswirkungen auf unser aller Alltagsleben.

Ergebnisse der „Possible Futures of Migration“ – Szenario-Sessions speisen „Mind the Map“. Die aktuelle künstlerische Arbeit von Time’s Up, thematisch konzentriert auf gegenwärtige Praktiken der europäischen Migrations- und Asylpolitik, insbesondere auf die Flüchtlingsströme im Mittelmeer; erarbeitet als „Phyiscal Narrative“ – einer Erzählung, inszeniert im realen Raum, explorativ erfahrbar vom Publikum.

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  1. Pingback: Possible Futures of Migration – in progress | LOOSE DIARY

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